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Wirtschaftskraft Alter

Wenn wir den vorliegenden Prognosen glauben dürfen, werden wir auch in den nächsten Jahren kräftige Fortschritte bei der Erhöhung der Lebenserwartung sowie bei der Gesunderhaltung bis ins hohe Alter und der Heilung von Krankheiten erleben. Eigentlich hätten wir vor diesem Hintergrund gute Aussichten unsere wirtschaftlichen, technischen und medizinischen Fähigkeiten verstärkt darauf zu konzentrieren, die Angebote für mehr Lebensqualität im Alter auszubauen und so den Bedürfnissen älter werdender Menschen gerecht zu werden. Gleichzeitig können wir demonstrieren, dass die Zukunftskompetenz für Gesundheit und Lebensqualität in Deutschland zu Hause ist und die Vorreiterrolle bei Produkten und Dienstleistungen aus diesem Bereich sich auch auf den internationalen Absatzmärkten widerspiegelt. Stattdessen jedoch herrscht in den Medien, bei Politik und in der Wirtschaft, aber auch in vielen Bereichen der Wissenschaft Tristesse. Die wachsende Zahl älterer Menschen bei gleichzeitigem Geburtenrückgang führe zu einer "deformierten Gesellschaft" und die "Überalterung der Gesellschaft" sei eine "demografische Zeitbombe" (Miegel 2002) - so die von vielen geteilte Zukunftsskepsis.

Hintergrund für diese düstere Wahrnehmung der demografischen Entwicklungstrends ist vor allem, dass befürchtet wird, immer mehr ältere Menschen müssten von immer weniger Jüngeren aushalten, und die dafür notwendigen Ausgaben würden die Arbeit am Standort Deutschland so gravierend verteuern, dass dies die Absatzchancen deutscher Produkte und Dienstleistungen auf den Weltmärkten erheblich beeinträchtigt.

Allerdings gibt es auch seit Jahren den Ruf, ein neues Bild vom Alter(n) zu entwickeln, in dem die reiferen Jahrgänge nicht als Belastung, sondern als Gewinn, als Produktivkraft dieser Gesellschaft gesehen und behandelt werden. In diesem Zusammenhang wird etwa auf die großen Wissens- und Schaffenspotenziale älterer Menschen hingewiesen und nach neuen Wegen gesucht, diese für die Wirtschaft und Gesellschaft zu nutzen. Des Weiteren wird herausgearbeitet, dass auch die wirtschaftlichen Nachfrage- und Kaufkraftpotenziale älterer Menschen verstärkt beachtet und aktiviert werden müssen. Zwar sind ältere Menschen keine homogene Gruppe, dennoch lässt sich aber erkennen, dass mit der wachsenden Zahl älterer und z. T. auch beeinträchtigter Menschen Interessen und Bedürfnisse nach vorne rücken, die bislang nur unzureichend oder sogar gar nicht befriedigt werden.

Den quantitativen Hintergrund dieser Debatten bildet der demografische Wandel, der mittlerweile nicht mehr unbemerkt verläuft sondern zunehmend durch die eigene Alltagserfahrung unmittelbar spürbar wird. Der Anteil der über 60-jährigen an der Gesamtbevölkerung wird immer größer. Lag dieser 2005 noch bei ca. 25%, so wird sich dies auf ca. 38% im Jahre 2050 erhöhen. Dieser Trend lässt sich anhand der Grafik 1 erkennen.

Grafik 1, Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (2008). Die Farben Gelb, Grün und Rot stehen dabei jeweils für eine bestimmte Altersgruppe. [Grafik als PDF: http://www.bpb.de/files/GGTSPU-iat-gate.iatge.de-18440-1722578-DAT/TTWVK6.pdf ]

Die Gründe für die zunehmende Alterung der Gesellschaft sind vielfältig:

  • Sinkende Geburtenzahlen: während 1960 die Geburtenziffer noch bei 2,37 (West), bzw. 2,33 (Ost) lag, so sank dieser Wert bis 2005 auf 1,36 (West) und 1,30 (Ost). Bis 2050 wird nur eine minimale Steigerung prognostiziert (1,4). Zur Reproduktion der Bevölkerung müsste die Ziffer bei 2,1 liegen.
  • Steigende Lebenserwartung: die fernere Lebenserwartung der 60-Jährigen hat sich immer weiter erhöht, bis 2050 wird sie auf schätzungsweise 23,7 Jahre für Männer und 28,3 Jahre für Frauen ansteigen.
  • Sinkende Einwanderungszahlen: seit 1995 sinken die Einwanderungszahlen beinahe kontinuierlich; 2006 wurde beinahe das Niveau des Fortzugs erreicht. (s. Tabelle 1).

Tabelle 1: Zu- und Fortzug von Ausländern und Deutschen

Tabelle 1, Quelle: Statistisches Bundesamt.

Soziostrukturelle Ausprägungen

Diese aufgezeigten quantitativen Dimensionen der demografischen Alterung werden durch qualitative Änderungsprozesse begleitet, die sich wie folgt beschreiben lassen:

  • Singularisierung:
    Der Anteil allein lebender Älterer wird weiter zunehmen, zurzeit leben ca. 40% der über 65-jährigen allein, die überwiegende Mehrheit davon sind Frauen.
  • Ausdehnung der Altersphase:
    Durch die kontinuierlich anwachsende Lebenserwartung, bedingt durch medizinische Fortschritte, und die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen einerseits sowie die sozioökonomisch geprägte Vorverlegung des Eintritts in den Ruhestand andererseits, wird dieser Lebensabschnitt immer weiter ausgedehnt.
  • Feminisierung des Alters:
    Bei den jetzigen über 60-jährigen sind ca. drei Fünftel Frauen und zwei Fünftel Männer. Mit zunehmendem Alter verschiebt sich diese Relation weiter zugunsten der Frauen. Der Frauenanteil ist zwar leicht rückläufig, wird tendenziell aber auch weiterhin über dem der Männer liegen.
  • Die Verjüngung des Alters:
    Durch ökonomische Entwicklungen und den Wandel gesellschaftlicher Wertvorstellungen, z.B. durch Berufsaustritt und Verrentung in immer früheren Phasen des Lebenslaufs, werden Menschen auch früher in die Kategorie "alt" eingestuft. Gleichzeitig bleiben aber auch immer mehr ältere Menschen physisch und psychisch immer länger leistungsfähig und empfinden sich subjektiv als jünger, als es ihrem kalendarischen Alter tatsächlich entspricht.
  • Zunahme der Hochaltrigkeit:
    Immer mehr Menschen durchbrechen die "Schallmauer" des 80. Lebensjahres. Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und wird weiter steigen.
  • Differenzierung von Altersgruppen:
    In der z.T. mehrere Jahrzehnte umfassenden Altersspanne des Seniorenlebens sind unterschiedliche Generationen mit unterschiedlichem zeitgeschichtlichen Hintergrund, Sozialisationen, Konsum- und Technikerfahrungen vertreten.
  • Differenzierung der Lebensstile:
    Die jetzigen Alten zeichnen sich durch unterschiedliche Lebensstile auch innerhalb einer Generation aus, die sich zukünftig noch weiter ausdifferenzieren werden. Von der Gruppe der Senioren zu sprechen ist daher eigentlich falsch, es ist eine sehr heterogen zusammengesetzte Schicht, die sich mindestens so stark untergliedern lässt, wie wir es z.B. von der Jugendkultur kennen. Es wird deutlich, dass Ältere keine homogene Gruppe darstellen, sondern verschiedene Generationen mit z.B. unterschiedlichen zeitgeschichtlichen Hintergründen, Sozialisationen, Konsum- und Technikerfahrungen umfassen.

Ökonomische Situation

Auch die ökonomische Situation der Senioren/innen weist einen Entwicklungsverlauf auf, der oftmals nicht ausreichend realisiert wird. Eine Bestandsaufnahme der Einkommensverhältnisse und des Kapitalvermögens der heutigen Generation der über 60-jährigen zeigt ein nicht zu unterschätzendes verfügbares Vermögen. Reichtum im Alter kommt mittlerweile zumindest in den alten Bundesländern vermutlich häufiger als Armut im Alter vor.

Die Generation Silber (60+) verfügt über ca. ein Drittel der Kaufkraft in Deutschland. Die "60 plus" Generation verfügt damit über eine stattliche Ressourcenbasis und stellt nicht nur aufgrund ihres hohen Bevölkerungsanteils, sondern auch aufgrund ihres wirtschaftlichen Potenzials einen bedeutenden Faktor in der bundesdeutschen Gesellschaft dar, dem das momentan vorhandene Angebot an Produkten und Dienstleistungen bei weitem nicht entspricht. Es soll an dieser Stelle nicht geleugnet werden, dass Altersarmut, insbesondere unter allein stehenden Frauen, nach wie vor existiert, zwar hat sich doch das Verarmungsrisiko hat sich bei älteren Menschen gegenüber den 60er und 70er Jahren stark verringert, doch ist davon auszugehen, dass die Altersarmut bei den kommenden Seniorengenerationen wieder deutlich ansteigt.

Legende:
Jüngere:<50 Jahre
Generation Silber:60+ Jahre
Best Agers:50-59 Jahre

Grafik 4, Quelle: Gfk Regionalforschung 2005.

Aktivierung der Seniorenwirtschaft

Aufgrund ihres wachsenden Anteils in unserer Gesellschaft gewinnen ältere Menschen nicht nur quantitativ, sondern auch hinsichtlich ihrer verbesserten Einkommens- und Vermögenssituation als Kundschaft an Bedeutung. Bislang wird das Altern der Bevölkerung zumeist noch als eine Last interpretiert. In letzter Zeit mehren sich jedoch die Stimmen, die auf die Chancen für Wirtschaft und Beschäftigung hinweisen und dazu auffordern, mehr Wissen und Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse, Interessen und wirtschaftlichen Potenziale älterer Menschen zu entwickeln. Noch scheuen sich Teile der Wirtschaft allerdings, auf den beschriebenen Handlungsfeldern stärker aktiv zu werden und ältere Menschen als eigenständige Kundengruppe im gleichen Maße anzuerkennen wie z.B. Jugendliche oder Familien. Eine ganze Reihe von Gründen spricht aber dafür, dass hier ein neues wachstumsträchtiges Feld entwickelt werden kann.

Ebenso wie bei anderen Kundengruppen ist auch bei der Zielgruppe der Senioren/innen ein langer Atem nötig, um die richtigen Angebote zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen. Einen unübersehbaren Vorteil hat die Zielgruppe der Seniorinnen und Senioren gegenüber den anderen wirtschaftlich anscheinend interessanteren Gruppen aber auf jeden Fall: Sie wächst von Jahr zu Jahr.

Aber mit der wachsenden Anzahl älterer Menschen wachsen auch mögliche Probleme, die bereits im Vorfeld bekämpft werden müssen. Besonders wichtig ist hierbei die Sicherung von Lebensqualität für zukünftige Seniorengenerationen: Altersarmut ist nur ein Schlagwort dessen sich die Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege annehmen müssen. In diesem Kontext erlangt auch das Ehrenamt eine zunehmende Bedeutung für die Gesellschaft, wobei diese Entwicklung durchaus ambivalent zu sehen ist. Denn ohne das Ehrenamt durch Ältere und für Ältere wird das Sozialsystem vor schwer zu überwindende Hürden gestellt. Wirtschaft, Politik und Verbände, Länder und Gemeinden: alle Akteure sind gefordert ihre Arbeit effektiv gestalten, um zukünftigen Herausforderungen begegnen zu können und neue Konzepte und Ansätze zu entwickelt.




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